«Wenn du laufen willst, dann lauf eine Meile. Willst du aber ein neues Leben, dann lauf Marathon.»

Ein Zitat von Läuferlegende Emil Zátopek. Kommt sie dem Kern der Begeisterung für einen Marathon sicher sehr nahe. Auf 42,195 km kommst du an deine Grenzen, du musst mit vielen unvorhergesehenen Situationen fertig werden.

42,195 Kilometer: Für Nicht-Läufer ist es bloss eine Zahl. Oder das Sinnbild für Unerreichbarkeit. Doch wir Läuferinnen und Läufer wissen es besser. Irgendwann bekommt diese spezielle Zahl eine Magie und eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Einmal einen Marathon laufen! Und noch einmal! Und wieder! Immer wieder!

Ich habe spät angefangen mit dem Laufsport. Als ich damit begann, wusste ich nur, dass ein Marathon ungefähr 40 Kilometer misst und ein gewisser Haile Gebrselassie die Laufszene aufrüttelt. Ab und zu schnürte ich meine Laufschuhe. Kein Carbon, keinen ASICS Gel-Kayano oder Gel-Nimbus. Einfach irgendeinen Schuh, den man eben früher zum Schulsport nutzte.

Zu dieser Zeit gab es für mich überhaupt keinen Anreiz, Tempotrainings und Intervalle in meinen Laufkalender einzubauen, nur um noch ein Minütchen schneller zu werden oder ein Kilometerchen weiterzulaufen. Aber die Lauferei machte langsam Spass. Ich konnte mehr essen und nahm trotzdem rasant ab. Wofür auch schneller laufen? Niemand hat deine Lauftrainings auf einer App angesehen und Kudos oder auch keine Kudos gegeben.

Ein halbes Jahr später meine erste Teilnahme an einem regionalen Lauf. Das erste Mal mit einer Startnummer zu laufen, machte mich stolz. Jetzt wurde ich vom Jogger zum Läufer. Das Rennen war acht Kilometer lang, ich lief einfach, gleich schnell wie in meinen Trainings. Praktisch niemand war mit einer Laufuhr unterwegs. Die wenigen Cracks erkannte man mit einer Casio am Handgelenk mit integriertem Schrittzähler. Im Ziel interessierte sich niemand für meine Zeit, kein Tracking, kein Strava, keine Kudos, kein Social Media, rein gar nichts. Aber ich war nun ein Finisher.

Das Wort «Halbmarathon» spukte von nun an durch meine Gedanken. «Wenn ich acht Kilometer schaffe, schaffe ich auch doppelt so viel», dachte ich. Zwei mal acht sind in etwa einen Halbmarathon.

Ich kaufte ein Lauf-Buch, machte mich schlau und lernte, dass es tatsächlich ganz normale Menschen gibt, die 21,0975 Kilometer bewältigen können. So wurde ich noch im gleichen Jahr bereits zum Halbmarathon Finisher. Und nun? War es das jetzt? Natürlich nicht! Ich denke, es gibt kaum jemanden der einen Halbmarathon meistert, der nicht einmal an die doppelte Distanz gedacht hat.

Also, so ein Halbmarathon ist ja irgendwie so, als würde man nur eine Halbzeit Fussball spielen und eine Pausenführung als Sieg feiern. Ich horchte in meinen Körper und bekam allmählich das Gefühl, dass da, wo ein halber Marathon steckt, auch ein ganzer sein müsste.

Dann kam der Moment, die Möglichkeit, mit erfahrenen Läufern und bereits erfolgreichen Marathonfinishern nach Berlin an den Marathon zu reisen. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde: Startblock H, ganz zuhinterst. Der Vorteil des Startblocks H ist - du kannst zwei Stunden länger schlafen. Das ist aber auch der einzige Vorteil, die Distanz misst auch im Startblock H exakt 42,195 Kilometer. 

Nach ungefähr 30 Kilometern kam an diesem Tag nicht der Mann mit dem Hammer, dafür aber ein fieser Gnom mit tausend kleinen Nadeln – und er malträtierte meine Waden. Ich musste Gehpausen einlegen. Mal trabte ich, dann spazierte ich wieder. Aufgeben war keine Option, denn irgendwie muss ich ja ins Ziel kommen. Ich war nicht aus der Puste, die Beine konnten noch, der Kopf war klar. Aber die Waden zuckten und schmerzten.

Endlich, nach exakt vier Stunden, 13 Minuten und 44 Sekunden, das Ziel und bis dato nicht gekannte Glückseligkeit. Ich war so platt, wie ich es noch nie nach einer sportlichen Tätigkeit war. Der Kopf leer, die Beine leer, alles ausgebrannt. Und diese Schmerzen. Die schönsten Schmerzen, die ich je hatte. In der griechischen Mythologie ist bekanntlich Pheidippides in Athen nach 40 Kilometern tot zusammengebrochen. Aber ich lebe noch immer, auch heute nach 20 Marathons.

Wie gerne hätte ich meinen Lauf auf Strava geladen oder auf Instagram meine Startnummer gepostet und dazu #raceday geschrieben. All das gab es noch nicht. Ich hätte sicher ein paar Kudos auf Strava bekommen, auch mit dieser Zeit, die ich bis heute noch etliche Male unterbieten konnte. 

Was sich nicht geändert hat: Die Marathondistanz ist exakt immer noch gleich lang. Im Ziel gibt es immer noch eine Finishermedaille. Du trägst unzählige Gels mit, versuchst dich exakt so zu verpflegen, wie du es in vielen Büchern gelesen hast. Heute läufst du mit Carbon Schuhen, die wahrscheinlich in meinem Tempo nicht viel bewirken. Egal, hauptsache Carbon. Sobald du heute im Ziel bist, holst du dein Handy ab und lädst deinen Lauf in deiner Sportapp hoch, damit die ganze Welt sehen kann, ob du abgeliefert hast oder ob der Mann mit dem Hammer vorbeigeschaut hat. Unzählige Mitteilungen erreichen dich via Instagram, Facebook oder WhatsApp. Zu Hause wird mitgefiebert via Live-Tracking. Auf der einen Seite werden die Daumen gedrückt, auf der anderen darauf gewartet, dass du langsamer wirst und den Hammermann kennen lernst. Nochmal andere bangen um ihre persönliche Bestzeit. 

Abermals war ich erstaunt über meine Disziplin in der Vorbereitung und das Organisationstalent, das plötzlich zum Vorschein kam, als es darum ging, Trainingseinheiten in die frühen Morgenstunden zu quetschen. Am Ende bedeutet eine Marathonvorbereitung eigentlich nur, dass für die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, immer irgendwie Platz im Alltag bleibt. Aus meiner Sicht verlieren wir nur zu selten den Fokus. Obwohl die Planung Zeit frisst, macht es den Alltag leichter, weil er plötzlich eine Struktur hat – oder besser gesagt haben muss.

Ich bin überzeugt davon, der Marathon ist das grösste Ziel, das sich mit Fleiss, aber ohne viel Verzicht erreichen lässt. Das Schwerste am Marathon ist der Entschluss, ihn in Angriff zu nehmen.

Ich vertrete die Meinung, dass die Marathondistanz oft überbewertet wird. Jede oder jeder kann Marathon laufen - nur in welcher Zeit ist die Frage.

written by
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Andi Jordan

Lokführer SBB from Schaffhausen

Age group: M50
Club: WhatsApp Runners Schaffhausen, Schaffhauser Stadtlauf
Coach: coaching myself

MY DISCIPLINES
marathon 10k half marathon